Reichsflotte, Preußische Marine, Marine des Norddeutschen Bundes und Kaiserliche Marine 1848 - 1919

Vorgeschichte

Die Geschichte der deutschen Marine(n) beginnt erst Mitte des 19. Jahrhunderts, denn von einer Existenz einer deutschen Seestreitkraft in den Jahrzehnten und Jahrhunderten zuvor kann praktische keine Rede sein, keine der deutschen Einzelstaaten verfügte über bedeutende Seestreitkräfte. Versuche eine solche aufzubauen, z.B. von der Hanse oder Kurbrandenburg, scheiterten aus diversen Gründen. Ausnahme war das habsburgische Österreich, dessen Marine zu einem bedeutenden Machtfaktor wuchs, allerdings vorwiegend beschränkt auf die Adria.

Auch das aus dem kurbrandenburgischen hervorgegangene Königreich Preußen, immerhin mit einer langgedehnten Ostseeküste und seit Mitte des 18. Jahrhunderts als Herrscher über das Fürstentum Ostfriesland auch Nordseeanrainer, sah sich nicht im Stande bzw. war auch nicht willens, eine Seestreitkraft aufzubauen. Der Fokus lag klar auf den Aufbau einer starken Landstreitkraft, Friedrich II. ("der Große") bekundete es vorzuziehen, statt der schlechtesten Seestreitkraft lieber die stärkste Landarmee Europas aufzubauen. So beschränkte sich Preußen auf landgestützten Küstenschutz und vertraute seeseitig auf den Schutz durch die Marinen befreundeter Seemächte.

1807 musste Preußen das Fürstentum Ostfriesland an das von Frankreich dominierte Königreich Holland abgeben und verlor seinen Besitz an der Nordsee endgültig nach dem Ende Napoleon Bonapartes; auf dem Wiener Kongreß 1815 wurde Ostfriesland dem Königreich Hannover zugesprochen. Dafür erhielt Preußen das sich von Stralsund bis zur Linie Cammin-Greifenhagen erstreckende Gebiet Schwedisch-Pommern inkl. der Inseln Rügen und Usedom. Die in den folgenden Jahren aufgebaute und in Stralsund stationierte kleine Küstenflotte, bestehend aus sechs Kanonenschaluppen und dem Kriegsschoner "Stralsund", existierte nicht zuletzt wegen Geldmangel nur wenige Jahre. Auch diverse, u.a. vom Generalstabsoffizier Gustav von Rauch und Seewehr-Kommissionen vorgelegte Pläne wurden aus finanziellen, politischen und diplomatischen Gründen nicht weiterverfolgt. Erst Friedrich Wilhelm IV., seit 1840 König Preußens, unterstütze den vom nun als Kriegsminister amtierenden von Rauch vorgelegten Flottenbauplan von 1837 und bewilligte den Bau des Segelschulschiffes SMS "Amazone". Letztlich aber wurden darüber hinaus lediglich die Handelsschiffe der staatlichen preußischen Seehandlungsgesellschaft mit der preußischen Kriegsflagge und für die Abwehr von Piraten geeigneten Waffen ausgestattet. 

Märzrevolution, Schleswig-Holsteinische Erhebung, Erste Schritte

Die bürgerlich-demokratische französische Februarrevolution 1848 erfasste in den darauffolgenden Wochen große Teile Europas, mit der Märzrevolution auch die Staaten des Deutschen Bund. Mit Ausnahme von Preußen und Österreich setzten sich zunächst die Revolutionäre, die u.a. einen deutschen Nationalstaat anstrebten, durch. Im Zuge dieser nationalen Einigungsbewegung kommt es in der schon lange konfliktbeladenen Schleswig-Holsteinischen Frage zum offenen Ausbruch. Streitpunkt ist die Frage, ob Schleswig mit seiner gemischten Bevölkerung zum Königreich Dänemark oder ebenso wie Holstein einen neuen, noch zu bildenden deutschen Nationalstaat angehören soll. Gleich zu Beginn der am 23.03.1848 ausgebrochenen Schleswig-Holsteinischen Erhebung werden zunächst die Schleswig-Holsteinischen Küsten von der dänischen Marine blockiert. Nachdem im April Preußen den Aufständischen im Namen des Deutschen Bundes zu Hilfe eilt, wird die Blockade auf die gesamten deutschen Küsten ausgedehnt. Obwohl die dänische Marine recht klein war, gab es keinerlei Mittel gegen die Blockade. Der schutzlose deutsche Seehandel kam praktisch zum Erliegen, allein in der Anfangsphase des Krieges brachten die Dänen über 50 deutsche Handelsschiffe auf.

Die Rufe nach einer deutschen Marine werden immer lauter, in dieser Situation bewilligt die deutsche Nationalversammlung am 14.06.1848 den Aufbau einer Reichsflotte - umgangssprachlich auch oft und fälschlicherweise Bundesflotte genannt - und bewilligt die entsprechenden Gelder. Leiter der Flotte wird der Handelsminister Arnold Duckwitz aus Bremen. Als einer seiner ersten Amtshandlungen lässt er eine "Technische Marinekommission" aufstellen, zu deren Leiter wird Prinz Adalbert von Preußen ernannt.

Adalbert erstellt eine Denkschrift mit drei Flottenmodellen:

- eine aus Ruderkanonenbooten bestehende, defensiv ausgerichtete Marine zur Küstenverteidigung

- eine aus Fregatten bestehende Marine zur offensiven Verteidigung und Seehandelsschutz

- eine aus Linienschiffen bestehende Marine nach britischem Vorbild, befähigt, auch weit fern der Heimatgewässer zu operieren.

Adalbert selbst favorisiert die mittlere Lösung, da diese eine ausreichend schlagkräftige Marine beschreibt, ohne das die großen, etablierten Seemächte herausgefordert würden.

Das Ende der Reichsflotte

Am 03.04.1849 lehnt Friedrich Wilhelm IV. die ihm von der Nationalversammlung angebotene Kaiserkrone ab, damit scheitert das Ansinnen zur Schaffung eines deutschen Nationalstaates und in Folge dessen einer gesamtdeutschen Flotte. Die Bundesversammlung beschließt am 2.4.1852 die Auflösung der Reichsflotte. Das Personal inklusive des Oberbefehlshabers wird entlassen. Zwei Fregatten gehen in die weiter bestehende Preußische Marine über, die restlichen zehn Fregatten und Korvetten und sämtliche Ausrüstung werden im Dezember versteigert, die 27 Ruderkanonenboote nach Bremen und Lübeck verkauft. Am 31.03.1853 ergeht der offizielle Auflösungsbefehl.

Schleswig-Holsteinische Marine

Nachdem bereits im Frühsommer mit dem Bau von Ruderkanonenbooten begonnen wurde, beschließt die Provisorische Regierung Schleswig-Holsteins nach der durch den Friedensvertrag von Malmö vom August 1848 abgeschlossenen ersten Phase der Schleswig-Holsteinischen Erhebung den planmäßigen Aufbau einer eigenen Marine. Die Paulskirchenverfassung sah vor, die Schleswig-Holsteinische Marine in die Reichsflotte einzugliedern, was formell im April 1849 geschah.

Preußische Marine

Zeitgleich zu den Bemühungen um den Aufbau einer Reichsflotte unternimmt auch Preußen nun ernsthafte Schritte, die eher auf dem Papier als real existierende eigene Marine auszubauen, König Friedrich Wilhelm IV. erließ am 05.09.1848 einen entsprechenden Befehl.

Am 01.03.1849 wird Prinz Adalbert von Preußen, kurz nachdem er sein Amt bei der Reichsflotte niedergelegt hatte, Oberbefehlshaber, 1853 das Jadegebiet zum Bau eines Marine-Etablissements an der Nordsee erworben.

Ab Herbst 1859 unternimmt erstmals ein preußisches Geschwader eine mehrjährige Auslandsreise. Die Preußische Ostasien-Expedition unter der Leitung von Graf Friedrich zu Eulenburg sollte neue Märkte für den Außenhandel erschließen. Während dieses Unternehmens ereilt die Marine der erste Verluste: Das Geschwader, bestehend aus der Korvette "Arcona", Fregatte "Thetis", Schoner "Frauenlob" und Transporter "Elbe", gerät Anfang September 1860 vor der Ostküste Japans in einen Taifun. Die "Frauenlob", ein kleinerer Gaffelschoner, an dessen Hochseetauglichkeit von einigen Seeoffizieren Zweifel angemeldet wurden, muss vom Flaggschiff "Arcona" in Schlepp genommen werden. Jedoch reißen in den Morgenstunden des 2. September die Schlepptrossen, "Frauenlob" gerät außer Sicht und bleibt mit ihrer 47 Mann Besatzung nach erfolgloser Suchaktion verschollen.

Am 14.11.1861 geht "Amazone" verloren. Das Schiff, beim Neubeginn der Preußischen Marine 1848 die einzige hochseetaugliche Einheit, sank bei einem Orkan vor der niederländischen Küste unter ungeklärten Umständen. Die gesamte Besatzung von etwa 140 Mann - die genaue Zahl ist unbekannt - blieb auf See. 

Deutsch-Dänischer Krieg

Während des 01.02.1864 ausgebrochenen Deutsch-Dänischen Krieges spielt die Preußische Marine keine große Rolle. Erneut werden die deutschen Küsten an Nord- und Ostsee blockiert, jedoch ist die preußische Flotte noch viel zu klein, um die Dänen ernsthaft herausfordern zu können. Dies zeigt sich im Gefecht bei Jasmund am 17. März, das die Preußen unter dem Oberbefehl von Kapitän zur See Eduard von Jachmann (dem späteren Vizeadmiral) nach rund zwei Stunden abbrechen.

 

Anfang Mai erreicht ein zur Unterstützung Preußens entsandtes österreichisches Geschwader unter Wilhelm von Tegetthoff die Nordsee. Am 9. Mai trifft ein preußisch-österreichisches Geschwader, bestehend aus 2 Dampffregatten, 1 Raddampfer und 2 Dampfkanonenbooten vor Helgoland auf drei dänische Dampffregatten. Das "Seegefecht vor Helgoland" verläuft ohne Schiffsverluste, jedoch gehen die artilleristisch überlegenen Dänen als taktischer Sieger hervor. Dieses letzte Seegefecht zwischen hölzernen Kriegsschiffen hat auf den Ausgang des Krieges keinen Einfluss. Schon drei Tage später tritt ein Waffenstillstand in Kraft; nach einem Wiederaufflammen des Krieges Ende Juni setzt Mitte Juli ein erneuter Waffenstillstand ein, offiziell endet der Krieg am 30.Oktober mit dem Sieg Preußens und Österreichs.

 

Holstein wurde nun von den Habsburgern verwaltet, Schleswig von den Preußen. Am 14.08.1865 beschließen beide Mächte in der Gasteiner Konvention die Bildung einer Bundesflotte, zudem wird Preußen das Recht eingeräumt, seine Flotte im holsteinischen Kiel zu stationieren. Daraufhin verlegt die Marinestation der Ostsee mit sämtlichen Einheiten zu Wasser und zu Lande von Danzig nach Kiel.

Marine des Norddeutschen Bundes

Dem Bündnis im Deutsch-Dänischen Krieg und der Gasteiner Konvention zum Trotz sind die beiden Mächte Rivalen um die Führungsrolle im Deutschen Bund und unterschiedlichen Ansichten über die Zukunft des Bundes. Die Rivalitäten münden schließlich am 14.06.1866 in den Deutschen Krieg. Dieser, auch Zweiter Einigungskrieg genannte Krieg endet bereits am 23. August mit dem Sieg Preußens und seinen Verbündeten. Der Krieg bedeutete auch das Ende des Königreich Hannover, das auf der Seite Österreichs gegen Preußen gekämpft hatte. Das Gebiet der Welfen mit der Nordseeküste wird als Provinz Hannover ins Königreich Preußen einverleibt, ebenso die Herzogtümer Schleswig und Holstein. Wenn es noch Zweifel gab, waren diese nun endgültig beseitigt: Preußen lag an der See.

Als weitere Folge bilden am 14.06.1867 alle deutschen Staaten nördlich des Mains den Norddeutschen Bund.

Zum 01.10.1867 geht die Preußische Marine in die neu gegründete Marine des Norddeutschen Bundes auf.

 

Die Flotte besteht zu diesem Zeitpunkt aus insgesamt 42 Einheiten:

Liste der Schiffe (in Arbeit)

 

Die Flotte erhält eine neue Flagge, die bis 1921 von allen deutschen Kriegsschiffen geführt wird: Schwarzes Kreuz auf weißem Grund mit preußischen Adler in der Mitte, in der Gösch das Eiserne Kreuz auf schwarz-weiß-roter Trikolore, gebildet aus dem Schwarz-Weiß der preußischen Flagge und dem hansestädtischen Rot-Weiß. Diese Kriegsflagge des Norddeutschen Bundes wird 1871 zur Kaiserlichen Kriegsflagge, ab 1892 als Reichskriegsflagge die Flagge aller Streitkräfte des deutschen Reiches.

Kiel wird noch im Jahre 1867 zum Bundeskriegshafen erhoben. Zwei Jahre später wird das "Marineetablissement an der Jade" eingeweiht, erhält den Namen "Wilhelmshaven" und wird gleichfalls zum Bundeskriegshafen erklärt.

 

1870 nutzt Preußens Ministerpräsident Bismarck die Gelegenheit, sein Ziel eines vereinigten deutschen Reiches unter preußischer Führung zu erreichen. Die schon lange krisenbehaftete Beziehung zu Frankreich führt über die Kandidatur Leopold von Hohenzollern als spanischer König zum Krieg; in diesem stehen den Preußen nicht nur die anderen Mitgliedsstaaten des Norddeutschen Bundes, sondern auch die süddeutschen Staaten bei.

Der Krieg wird allein zu Lande entschieden, die Marinen spielen praktisch keine Rolle.

 

Am Ende steht ein triumphaler Sieg der deutschen Armeen und mit dem Beitritt von Bayern, Württemberg, Baden und Hessen zum Norddeutschen Bund die Reichseinigung; am 1. Januar 1871 wird Preußens König Wilhelm I. Kaiser des Deutschen Reichs.

Kaiserliche Marine

Die Reichsgründung bedeutet für die Norddeutsche Bundesmarine der Schritt zur nun Kaiserlichen Marine. Im Gegensatz zu den Armeen der deutschen Königreiche Preußen, Bayern, Württemberg und Sachsen ist die Marine als Immediat-Institution reichsunmittelbar und somit direkt dem Kaiser unterstellt.

Wilhelmshaven und Kiel sind nun Reichskriegshäfen.

Erster Chef der Admiralität wird mit Albrecht von Stosch ein General der Infanterie, da, so zu mindestens die Meinung der politischen Führung, kein geeigneter Seeoffizier für diese Aufgabe zur Verfügung steht. In der Tat beweist der Infanterist großes Verständnis für Marinefragen und erwirbt mit seinen Verdiensten um den Aufbau der Marine großes Ansehen.

 

Dennoch spielt die Marine in den Szenarios der militärischen Führung lediglich eine untergeordnete Rolle, ihre Aufgabe gehen über Küstenverteidigung, Handelsschutz und Unterstützung der Landstreitkräfte nicht hinaus. Entsprechend gering ist der zugewiesene Etat. Immerhin aber bewilligt der Reichstag Teile des von Stosch vorgelegten Flottengründungsplan 1873 und stellt Gelder zum Bau von vier Ausfallkorvetten als Blockadebrecher und elf Panzerkanonenbooten für den Küstenschutz zur Verfügung.

Im Zuge der Tragödie um das am 31. Mai 1878 versunkene Panzerschiff "Großer Kurfürst" gerät Stosch in die Kritik, da er, so der Vorwurf, mehr Wert auf militärischen Drill als auf eine seemännische Ausbildung legte. Seine politische Gegnerschaft zu Kanzler Bismarck schwächt seine Position zusätzlich, in der Konsequenz tritt er am 20. März 1883 zurück und wird durch Generalleutnant Leo von Caprivi ersetzt.

Neuer Kaiser, neue Marinepolitik

1888 ist das Dreikaiserjahr. Auf dem am 9. März verstorbenen Wilhelm I. folgt Friedrich III., der jedoch nach nur 99 Tagen, am 15. Juni, seiner schweren Krebserkrankung erliegt. An seiner Stelle tritt der älteste Sohn Friedrich Wilhelm, fortan Kaiser Wilhelm II. Dessen Regierungsantritt bedeutet eine grundlegende Zeitenwende für die Marine. Der erst 29jährige Monarch ist marinebegeistert und wird in den drei Jahrzehnten seiner Regentschaft ein entschiedener Befürworter für den Ausbau der Marine zu einer mächtigen Seestreitkraft sein.

Bereits drei Wochen nach seiner Thronbesteigung entlässt er Caprivi als Chef der Admiralität und bestellt Vizeadmiral von Monts als Nachfolger. Nach über 16 Jahren steht ab sofort wieder ein Seeoffizier an der Spitze der Marine.

Tirpitz wird neuer "Marineminister"

Am 15.06.1897 wird Konteradmiral Alfred Tirpitz (erst ab Juni 1900 "von") als Nachfolger von Hollmann Staatssekretär im Reichsmarineamt.

Bereits im Juli legt Tirpitz dem Kaiser eine Denkschrift vor, mit der er seine "Risikotheorie" skizziert und den Ausbau der Kaiserlichen Marine zur "Risikoflotte" anregt.

Tirpitz ist zudem wesentlicher Wegbereiter für die Gründung des Deutschen Flottenvereins am 30. April 1898. Von führenden Marineoffizieren und Politikern, Vertretern der Schwerindustrie, Werften und Banken ins Leben gerufen, leistet der Verein Lobbyarbeit in politischen Kreisen und weckt vor dem Hintergrund des geplanten Schlachtschiffbaus mit geschickter Propaganda maritime Begeisterung in der Bevölkerung.

1. Flottengesetz

Am 10.04.1898 verabschiedet der Reichstag das 1. Flottengesetz. Es sieht vor, das innerhalb von sechs Jahren 19 typgleiche Linienschiffe, 8 Küstenpanzerschiffe, 12 Große und 30 Kleine Kreuzer gebaut werden. Weiterhin wird bestimmt, das Schiffe nach 25 Jahren Dienstzeit automatisch und ohne vorherige Bewilligung des Reichstages durch Neubauten ersetzt werden. Der steigenden Anzahl der schwimmenden Einheiten entsprechend soll auch die Personalstärke vergrößert werden und Häfen, Werften sowie Ausbildungseinrichtungen ausgebaut.

Das Gesetz im Wortlaut

2. Flottengesetz, deutsch-britisches Wettrüsten, außenpolitische Isolation

Bereits zwei Jahre später, am 14.06.1900, verabschiedet der Reichstag das 2. Flottengesetz.

Es sieht praktisch eine Verdoppelung der Flotte vor, das Deutsche Reich soll in kürzester Zeit zur zweitgrößten Seemacht der Welt aufsteigen. Zudem wird der tirpitzsche Risikogedanke zur kaum verhohlenen Doktrin.

Das Gesetz im Wortlaut

 

Die massive Ausrüstung der Marine hat für das Deutsche Reich schwerwiegende Folgen. Außenpolitisch gerät es zunehmend in die Isolation. Schon 1894 wurde die Französisch-Russische Allianz geschmiedet, 1904 einigen sich Großbritannien und Frankreich auf das "Entente cordiale" bezeichnete Abkommen, drei Jahre darauf tritt Russland der nun "Triple Entente" bei.

Die britische Admiralität, die das 1. Flottengesetz noch recht sorglos zur Kenntnis nahm, reagiert auf das 2. Flottengesetz, indem sie nun ihrerseits beginnt, die Flotte zu verstärken; das deutsch-britische Flottenwett-rüsten beginnt. Zwar gibt es, schon nach dem 1. Flottengesetz, auch innerhalb der Kaiserlichen Marine namhafte Kritiker des Schlachtschiffbaus, sowohl unter den aktiven Offizieren wie den Admirälen Galster und Curt von Maltzahn als auch unter den ehemaligen Admirälen wie Valois und Iwan Friedrich Julius Oldekop, diese können sich jedoch nicht durchsetzen. Im Gegenteil: im April 1902 wird gar zur Finanzierung der Flotte die Schaumweinsteuer erhoben - sie wird allerdings anfangs gerade mal 2,5% der maritimen Rüstungs- und nicht einmal 1% der gesamten Rüstungsausgaben decken - Galster und Maltzahn werden kaltgestellt und müssen ihren Abschied aus dem aktiven Dienst nehmen.

Dreadnought-Sprung, Novellen zum 2. Flottengesetz

Am 10.02.1906 beginnt eine neue Zeitrechnung des Kriegsschiffbaus; die Dreadnought-Ära beginnt mit dem Stapellauf der namensgebenden HMS "Dreadnought". Die "Dreadnought" ist allen bisherigen Schiffen an Feuerkraft und Geschwindigkeit klar überlegen, mit einem Schlag sind die alten Linienschiff entwertet. Parallel dazu konzipieren die Briten mit dem Schlachtkreuzer einen weiteren modernen Kriegsschifftypen, im Frühjahr 1908 wird die "Invincible" als erster Schlachtkreuzer in Dienst gestellt. Deutschland reagiert im Juni 1906 mit einer ersten Novelle des Flottengesetzes und dem Bau eines eigenen Dreadnought-Schiffes. Im März 1908 läuft die SMS "Nassau" auf der Kaiserlichen Werft Wilhelmshaven als erstes modernes deutsches Schlachtschiff vom Stapel, ein Jahr später mit SMS "Von der Tann" der erste deutsche Schlacht-kreuzer. Im April 1908 tritt eine weitere Gesetzesnovelle in Kraft.

Bereits seit 1906 werden U-Boote eingeführt, zu Beginn des 1. Weltkrieges stehen der Kaiserlichen Marine insgesamt 29 Boote zur Verfügung.

Im Frühjahr 1909 führt die sogenannte "Naval Scare" dazu, dass Großbritannien seinen Marine-Etat erheblich aufstockt und noch im selben Jahr gleich acht Dreadnoughts auf Kiel legt.

Mit diesem Tempo kann Deutschland mit seinen viel geringeren Schiffbauressourcen nicht schritthalten, zumal sie Marine der dritten Flottengesetz-Novelle vom März 1912 zum Trotz eine Etatkürzung zu Gunsten verstärkter Heeresrüstung hinnehmen muss.

Die mit Beginn des Flottenwettrüstens von Kritikern des Schlachtschiffbaus auf beiden Seiten einsetzenden Bemühungen, die heraufziehende Krise auf diplomatischen Wege einzudämmen, schlagen fehl. Hierfür zeichnet in erster Linie das ungeschickte außenpolitische Agieren des Deutschen Reichs und die strikte Weigerung des Kaisers, über "seine" Flotte auch nur zu verhandeln, verantwortlich.

Letztlich ist die massive deutsche Flottenrüstung zwar kein unmittelbarer Kriegsgrund, markiert aber einen Wegpunkt zum Krieg.

Erster Weltkrieg

Im Sommer 1914 kulminieren die zahlreichen internationalen Krisen mit der Ermordung des österrei-chischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Gemahlin in Sarajevo am 28. Juni 1914.

Das Attentat des serbischen Nationalisten Gavrilo Princip ist der Casus Belli zum Ersten Weltkrieg: Am 28. Juli erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg, es folgen Kriegserklärungen des Deutschen Reiches an Russland am 1. August und Frankreich am 3. August sowie Großbritannien an Deutschland am 4. August.

In diesem Krieg kann die Kaiserliche Marine zwar einige beachtliche Erfolge erzielen, letztlich aber kann sie ihr eigentliches Ziel, die britische Seeherrschaft zu brechen, nicht erreichen. Vielmehr erweist sich das Konzept der Risikoflotte als Fehlschlag. Die britische Flotte geht einer Entscheidungsschlacht bewusst aus dem Weg, errichtet stattdessen eine Fernblockade in der Nordsee. Um diese zu brechen, fehlen der Hoch-Seeflotte die Mittel.

Wirksamste Waffe der Marine sind die U-Boote. Als jedoch die Seekriegsleitung den bereits vom Februar bis Mai 1915 "uneingeschränkten U-Boot-Krieg" im Februar 1917 wieder aufnimmt, dabei wiederholt auch US-amerikanische Schiffe versenkt, führt dies im April zum Kriegseintritt der USA auf Seiten der Entente.

Flottenunruhen 1917

Im Juni/Juli 1917 kommt es unter den Mannschaftsdienstgraden der großen Einheiten zu ersten Unruhen bis hin zu Befehlsverweigerungen und zeitweiligem, unerlaubten Entfernen vom Dienst. Ursachen sind in erster Linie zunehmend schlechte Verpflegung - während in den Offiziersmessen weiter aus dem Vollen geschöpft wird - und arrogante bis schikanöse Behandlung durch die Offiziere. Dazu kommt der eintönige Dienst auf den großen Schiffen, die, von Revier- und Patrouillenfahrten abgesehen, zur Untätigkeit verdammt sind.

Am 1. August entfernen sich rund 600 Mann der "Prinzregent Luitpold" sowie weitere Besatzungsmitglieder anderer Schiffe unerlaubterweise vom Dienst, um an Kundgebungen in der Rüstringer Strandhalle und einer weiteren Gaststätte teilzunehmen. Bei diesen Zusammentreffen treten Albin Köbis und Max Reichpietsch als Redner auf.

Nach Rückkehr der Besatzungen an Bord der Schiffe beginnt eine Verhaftungswelle, zahlreiche Matrosen und Heizer müssen sich vor dem Militärgericht verantworten. In den Verhandlungen am 23. sowie am 25./26. August werden insgesamt 6 Todesurteile gefällt. In den kommenden Tagen werden vier dieser Urteile in relativ kurze Zuchthausstrafen umgewandelt, die Urteile gegen Köbis und Reichpietsch aber werden am 5. September auf dem Schießplatz Köln-Wahn vollstreckt.

Mit dem harten Vorgehen konnte die Marineführung die Protestbewegung zunächst eindämmen, unternahm jedoch nichts, um die Ursachen abzustellen.

Das letzte Kriegsjahr und das Ende der Kaiserlichen Marine 1918/19

Abgesehen von einem gegen einen alliierten Konvoi gerichteten Flottenvorstoß Mitte April, der aber wegen Maschinenschadens an SMS "Moltke" vor der Küste Norwegens abgebrochen werden musste, verläuft das Kriegsjahr 1918 zur See weitestgehend ruhig. Spektakulär allerdings der Einsatz des U-Kreuzers U 156 im Juli, der einen kleinen Hafen an der Halbinsel Cape Cod/Massachusetts beschießt und dabei einen Schleppdampfer versenkt: der erste Angriff auf US-amerikanisches Festland seit dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg 1846/48.

 

Im Oktober 1918 machen unter den Schiffsbesatzungen vermehrt Gerüchte über eine bevorstehende "Todesfahrt" die Runde, die Flottenführung wolle, so heißt es, trotz der laufenden Waffenstillstands-verhandlungen und der nicht mehr zu verhindernden deutschen Niederlage

Am 28.10.1918

Die Bestimmungen des Waffenstillstands treffen die Kaiserliche Marine hart: alle modernen Großkampfschiffe, U-Boote und Torpedoboote sind zu internieren. Bereits im November 1918 sammelt   sich die deutsche Flotte letztmals in Wilhelmshaven: zur Internierungsfahrt in den Firth of Fourth bzw.         Scapa Flow.

Am 16.04.1919 beschloss die Weimarer Nationalversammlung per Gesetz, die Marine in "Vorläufige Reichsmarine" umzubenennen. 

Die Bedingungen des Friedensvertrages von Versailles lassen die Marine zu einer unbedeutenden Seestreitkraft schrumpfen: sämtliche Großkampfschiffe und U-Boote sind an die ehemaligen Kriegsgegner abzuliefern. Der Besitz von U-Booten und Flugzeugen ist untersagt. In der deutschen Flotte mit ihren nur noch 15.000 Mann verbleiben 6 ältere Linienschiffe, 6 Kleine Kreuzer und 24 Torpedoboote.

Am 21.06.1919 schließlich findet die Selbstversenkung der Kaiserlichen Hochseeflotte in Scapa Flow statt.

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