Kasernement Heppens

Die Kaserne zwischen Mühlenweg und Artilleriestraße (Schellingstraße) - somit ebenso wie die Kaserne an der Gökerstraße und in direkter Nachbarschaft die neue Marinewaschanstalt sowie das neue Bekleidungsamt Ulmenstraße und das Artilleriedepot/Schießstand an der Fortificationsstraße im Rüstringer Stadtgebiet - ist 1912 fertiggestellt worden. Zwar lehnte das Großherzogtum Oldenburg eine Gebietsabtretung an Preußen ab, gestattete aber die Errichtung militärischer Anlagen auf oldenburgischen, fiskalischen Gebiet.

In Pavillon-Bauweise umgaben auf einer Fläche von ca. 8,5 ha sieben Unterkunftsgebäude, zwei Wirtschafts- und Unterkunftsgebäude, ein Stabsgebäude, eine Exerzierhalle sowie eine Materialhalle einen großen Exerzierplatz: jeweils drei Unterkunftsgebäude im Norden entlang der Artilleriestraße und im Osten entlang der Fortifikationsstraße (Freiligrathstraße), das Stabsgebäude sowie weitere drei Unterkunftsgebäude entlang des Mühlenweg, die Materialhalle am westlichen Ende der Anlage, die Exerzierhalle dahinter. Mit einem Fassungsvermögen von 2400 Mann war die mutmaßlich größte Kaserne im deutschen Kaiserreich Unterkunft der II. Matrosen-Division.

 

Nach dem Ersten Weltkrieg erhielten die neun Unterkunftsgebäude Namen von Schiffen der Kaiserlichen Marine. Im Einzelnen:

"Mainz": Schellingstr. 15, nach dem Kleinen Kreuzer, gesunken 1914 beim Gefecht vor Helgoland

"Blücher": Schellingstr. 17, nach dem Großen Kreuzer, gesunken 1915 im Gefecht auf der Doggerbank

"Frauenlob": Schellingstr. 19, nach dem Kleinen Kreuzer, gesunken 1916 in der Skagerrakschlacht

"Stettin": Schellingstr. 21, nach dem Kleinen Kreuzer, gesunken 1916 in der Skagerrakschlacht

"Derfflinger": Mühlenweg 59 (mittler Block an der Freiligrathstraße) nach dem Großen Kreuzer, 1919 selbst versenkt in Scapa Flow

"Moltke": Mühlenweg 61, nach dem Großen Kreuzer, 1919 selbst versenkt in Scapa Flow

"Ariadne": Mühlenweg 63, nach dem Kleinen Kreuzer, gesunken 1914 beim Gefecht vor Helgoland

"Seydlitz", Mühlenweg 65, nach dem Großen Kreuzer, 1919 selbst versenkt in Scapa Flow

"Cöln": Mühlenweg 67, nach dem Kleinen Kreuzer, gesunken 1914 beim Gefecht vor Helgoland. Zur Schreibweise gibt es unterschiedliche Angaben, auch "Coeln" und "Coelln" waren lange Zeit gebräuchlich. 

Fliegeraufnahme aus den 20er-Jahren von Südwest. Am unteren Bildrand die Marinearrestanstalt, am rechten Bildrand die Kaiserin-Auguste-Victoria-Siedlung

Zwischen den Kriegen war die Kaserne mutmaßlich voll belegt, vor allem die Schiffsstammdivision der Nordsee nutze die Anlage.

1937 wurde die Kaserne nach Admiral Ludwig von Schröder, dem "Löwen von Flandern", Kommandeur des Marinekorps Flandern im 1. Weltkrieg, in "Admiral von Schröder-Kaserne" umbenannt.

Eine Reorganisation 1937 hatte den Umzug eines Teils der Schiffstammdivision nach Glücksburg zur Folge. Den freigewordenen Platz in der Kaserne belegte fortan ein Teil der Höheren Fachschule für Verwaltung und Wirtschaft der Kriegsmarine.

Im Zweiten Weltkrieg kaum beschädigt, diente die Kaserne nach dem Krieg als Unterkunft zunächst für die 1. Polnische Panzerdivision und einem Bataillon der britischen Royal Marines, später dann der 3. Kanadischen Infanteriedivision.

Aber auch deutsche Marinesoldaten der Kriegsmarine fanden hier noch einmal Quartier: wie schon im November 1918 war Wilhelmshaven auch nach dem 2. Weltkrieg der Ort, von wo noch intakte Schiffe der Kriegsmarine zur Ablieferung an die Siegermächte ausliefen. Mitte Dezember 1945 wurden die noch auf den Schiffen verbliebenen Stammbesatzungen zunächst von ihren Einheiten geholt und in die Kaserne Mühlenweg untergebracht. Im Februar 1946 schließlich legten die Schiffe mit deutsch-alliierten Besatzungen mit Ziel USA, Großbritannien und Sowjetunion ab.  

Die Briten ließen es sich nicht nehmen, zu mindestens drei Blöcke neue Namen zu geben:

"Derfflinger" hieß nun "Auchinleck" (nach Field Marshal Claude Auchinleck), "Seydlitz" wurde in "Lord Gort" umbenannt (nach Field Marshal John Vereker, 6th Viscount Gort), "Blücher" in "Montgomery" (nach Field Marshal Bernard L. Montgomery).

 

Im Frühjahr 1946 zogen die alliierten Truppen in die Kasernen Ebkeriege und Rüstersiel, die Anlage wurde der Stadt Wilhelmshaven übergeben. Damit endete im Wesentlichen die militärische Nutzung der Kasernenanlage. Lediglich im Block "Frauenlob" waren bis Mitte der 90er-Jahre mit einer Abteilung des Marinekommandos der Bundesmarine und dem Berufsförderungsdienst der Bundeswehr (BFD) militärische Dienststellen untergebracht.

 

Pädagogische Nutzung der Blöcke ab 1946 (in Arbeit):

"Frauenlob": Pädagogische Hochschule für Landwirtschaftliche Lehrer 1948-69

"Derfflinger": Pädagogische Hochschule für Gewerbliche Lehrer 1948 - 1961

"Cöln": Staatliche Landbauschule und Staatliche Landfrauenschule

"Seydlitz": Vereinigte Oberschule für Jungen 1946 - 1954, in 1946/47 bis zu deren Umzug in das Gebäude des ehemaligen "Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums" in der Ebert-/Virchowstraße zusätzlich Höhere Mädchenschule. 

1954 Teilung der Vereinigten Oberschule in "Max-Planck-Schule" und "Humboldtschule". Bis 1956 gemeinsam in einem Block.

"Ariadne": 1956 - Humboldtschule

"Blücher": - 1970 Grundschule Tonndeichschule

 

 

In der Exerzierhalle siedelte sich die Karosseriebaufirma "Paul Seipel Anhänger" an, woraufhin das Gebäude fortan im Volksmund "Seipel-Halle" genannt wurde. Dieses Kapitel endete 1970.

Von Ende der 70er-Jahre bis 2009 diente die Halle als Wachtgebäude der Ortsfeuerwehr Heppens. 

 

Die Kaserne blieb größtenteils erhalten und befindet sich in einem überwiegend sehr guten Zustand. Abgerissen wurde das Stabsgebäude (1974), am Block "Cöln" der vordere Teil des Ostflügels mit Giebel sowie das Lager. 

Heute werden die Blocks wie folgend genutzt:

"Mainz": derzeit leerstehend

"Blücher": Grundschule Mühlenweg

"Frauenlob": Volkshochschule

"Stettin": Kult Sportsbar, Kirchner GmbH, Schäfer GmbH

"Derfflinger": Neues Gymnasium Wilhelmshaven

"Moltke": derzeit leerstehend. Soll nach Sanierung schulisch genutzt werden

"Ariadne" + "Seydlitz": Neues Gymnasium Wilhelmshaven

"Cöln": Kindertagesstätte "Drachennest" und Wohnungen

Exerzierhalle: diverse private Nutzung als Stellplatz, Hobbywerkstatt usw.